Liebes Kind, böses Kind

Kennst Du die Situation, wenn das eigene Kind sich gerade einmal „daneben benimmt“ und neben Dir eine andere Mama mit offensichtlich „wohl erzogenem“ und „bravem“ Kind steht? Ganz heimlich schleicht sich dann manchmal etwas Neid – oder zumindest leichtes Unwohlsein – in meinen Kopf herein.

Aber Stopp, Halt! Stell Dir vor, die andere Mutter neben Dir bin ich, mit dem kleinen Mann.

Was denkst Du von meinem Kind?:

In der Kita. Das Kind hat beim Abholen einen Nervenzusammenbruch, weil es nicht mehr mit dem heiß geliebten Puppenwagen spielen darf, sondern sich anziehen und mit mir mitkommen soll. Es heult, schreit, bleibt auf dem Boden sitzen und lässt sich nur unter Wutgeschrei von der Stelle bewegen. Endlich an der Garderobe angekommen trifft mich der verständnislose Blick einer anderen Mutter, dessen Kind fröhlich plappernd vor ihr sitzt und sich friedfertig anziehen lässt. Ich murmle etwas von „…spielt…gerne…Puppenwagen…hier…heute…keine Zeit…Termin…deshalb schnell anziehen…“ Sie nickt wissend und antwortet, dass sie froh sei, eine Tochter zu haben, mit Jungs hätte sie schon häufiger ähnliche Situationen erlebt.

Szenenwechsel.

Auf dem Spielplatz. Ich sitze mit meinen liebsten Mit-Müttern und dem obligatorischen Kaffee gemütlich auf einer Decke. Der kleine Mann spielt völlig versunken im Sand. Nur ab und zu kommt er zu mir und möchte etwas trinken oder die Nase geputzt bekommen. Eine Freundin stellt fest, wie schön und selbständig Emil sich beschäftigt.

Szenenwechsel.

Zu Besuch bei Freunden. Emil ist seelig, weil es dort so viel Spielzeug gibt. Die Kinder spielen friedlich im Kinderzimmer. Als wir gehen wollen, beginnt der kleine Mann ohne Aufforderung, aufzuräumen. Unsere Freunde staunen.

Szenenwechsel.

Arztbesuch. Das Kind spielt eine Weile mit Autos. Nach einigen Minuten hat er keine Lust mehr. Ich fordere ihn zum Aufräumen auf. Er wirft die Autos unsanft auf den Boden. Ich schimpfe. Emil hebt die Autos auf und wirft sie wieder weg. Ich nehme sie ihm weg. Geschrei. Beim Versuch, ihn mit einem Buch abzulenken, greift er es sich und wirft auch das wütend weg. Aus den Augenwinkeln sehe ich einen Herren den Kopf schütteln.

Szenenwechsel.

Restaurantbesuch mit der Familie. Der kleine Mann ist ungeduldig, weil müde und hungrig. Keine gute Kombination! Ich setze das quengelnde Kind in den Hochstuhl und gebe ihm etwas zum Knabbern. Als das Essen kommt, möchte Emil von jedem Teller etwas probieren – aber bei dem Hinweis, dass er bitte das essen solle, was wir für ihn bestellt haben, gibt es Geschrei. Also esse ich die Kinderportion Nudeln und gebe dem Kind etwas von meinem Essen. Kommentar der Oma: „Na, der hat Euch aber im Griff! Oha.“

Szenenwechsel.

Eine Geburtstagskaffeerunde bei den Großeltern. Alle sitzen am Tisch, essen Kuchen. Der kleine Mann nimmt mit Obst vorlieb und isst anschließend etwas Kuchen mit der Gabel. Die Omi staunt, wie genügsam und zufrieden Emil sei und sogar ganz fein ordentlich essen würde. Als er fertig ist, spielt der kleine Mann neben dem Esstisch und wir tratschen mit der Familie. „Man bemerkt ihn ja fast gar nicht!“, lobt die Tante, „Was für ein liebes Kind!“

Wie (vor-)schnell wir doch häufig urteilen!

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Ein Gedanke zu “Liebes Kind, böses Kind

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